Wehrmedizinische Monatsschrift

Präsentismus und Absentismus –
wirtschaftliche Lifestylefolgen in den westlichen Industrienationen

Joachim Stork a

a Dr. med. Joachim Stork, Facharzt für Arbeitsmedizin, ehemaliger leitender Werkarzt der AUDI AG

 

Einleitung

Anhand arbeitsmedizinischer Erfahrungen in der Automobilindustrie wird im Folgenden die Frage gestellt, ­ swelche Auswirkungen der Gesundheitszustand von ­Belegschaften auf den wirtschaftlichen Erfolg von Industrieunternehmen hat, welche Handlungsfelder und Interventionsmöglichkeiten sich zur Begrenzung dieser ökonomischen Auswirkungen anbieten und welche Ergebnisse realisierbar sind.

Analysemethoden, Datengrundlagen

Auf Grundlage eines systematischen, individuellen Vorsorgeprogramms für alle Beschäftigten eines Automobilunternehmens stehen regelmäßig erhobene Daten zum Gesundheitszustand von 90 % der Gesamtbelegschaft zur Auswertung zur Verfügung (inzwischen > 100 000 Datensätze), ebenso Daten zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (betriebliches Gesundheitsmonitoring). Zu gezielten Fragestellungen erfolgen regelmäßig zusätzliche arbeitsmedizinische Auswertungen durch die Arbeitsmediziner/-innen des Unternehmens.

Ergebnisse und Diskussion

Obwohl die gesundheitsökonomischen Folgen lifestyle-bedingter Erkrankungen auch erhebliche Auswirkungen auf unser System der sozialen Sicherung haben, fokussiert dieser Beitrag betriebswirtschaftlich relevante ­Aspekte:

Risikofaktoren und Erkrankungen

Mehr als die Hälfte der in Fertigungsbereichen Beschäftigten weist einen oder mehrere beeinflussbare gesundheitliche Risikofaktoren auf. Übergewicht und damit assoziierte Befunde (arterielle Hypertonie und Stoffwechselstörungen) und das Rauchen stehen dabei im Vordergrund. Der Anteil „gesunder“ Risikofaktoren­träger sinkt mit zunehmendem Lebensalter, zugleich nimmt erwartungsgemäß der Anteil chronisch kranker Beschäftigter zu. In der Gruppe der über 50-Jährigen beträgt dieser Anteil > 50 % (Abbildung 1).

Abb. 1: „Gesunde“ Risikofaktorenträger und chronisch Kranke in verschiedenen Altersklassen, differenziert nach Tätigen innerhalb bzw. außerhalb der Produktion, bei einem Automobilhersteller

Durch Zusammenführen von Fehlzeitendaten mit präventiv erhobenen Gesundheitsdaten zeigt sich, dass die Aspekte Rauchen und Bewegungsarmut/Sport bereits kurzfristige, indirekte Auswirkungen auf das Arbeitsunfähigkeitsgeschehen haben, während der Großteil des altersassoziierten Anstiegs der Fehlzeiten durch das Auftreten chronischer Erkrankungen erklärbar ist. Ältere Beschäftigte ohne chronische Erkrankungen weisen im Durchschnitt kaum höhere Arbeitsunfähigkeitsraten auf als ihre jüngeren Kollegen. Auch führen die physiologischen Alterungsprozesse in der Praxis weder zu Fehlzeiten noch zu Einschränkungen der Einsetzbarkeit.

Präsentismus

Die erwartbare und kasuistisch immer wieder bestätigte Einschränkung der Leistungsfähigkeit von Beschäftigten, die trotz akuter Erkrankung ihre Arbeit fortsetzen, war Anlass zur Entwicklung des arbeitspsychologischen und gesundheitsökonomischen „Präsentismus“-Konzepts. Präsentismus wird als zu vermeidende Gefährdung der Gesundheit durch Überlastung während einer Erkrankung verstanden. Grundsätzlich gibt es zweifelsfrei Konstellationen besonders akuter Erkrankungen, bei denen dieser Zusammenhang medizinisch belegt werden kann. Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist das Präsentismus-Konzept allerdings unzureichend theoretisch und empirisch fundiert – insbesondere gilt das für die fehlende Abgrenzung zu Erkrankungen und Situationen, in denen die Fortsetzung oder Wiederaufnahme der Arbeit positive Effekte auf den Krankheitsverlauf hat. Letzteres ist aber Grundlage jedes erfolgreichen Integrations­managements – und des Erhalts der Beschäftigungs­fähigkeit trotz chronischer Erkrankung. Pauschal angewandt trägt das Konzept nicht zur Differenzierung im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements im Sinne der Beschäftigten bei – denn es fokussiert einseitig die gefährdenden Aspekte von Arbeit.

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Die analysierten Daten zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) zeigen deutlich, dass sowohl die individuelle gesundheitliche Situation, als auch die Arbeitsbedingungen wesentliche Determinanten des Integrationserfolgs sind. Ein erfolgreiches Eingliederungsmanagement bedarf daher einer intensiven Abstimmung und Zusammenarbeit der BEM-Partner und des/der Beschäftigten.

Der Erfolg des im Rahmen einer „Betriebsvereinbarung Gesundheit“ im Detail geregelten betrieblichen Gesundheitsmanagements unter Koordination des betrieblichen Gesundheitswesens und des Personalwesens kann anhand des etablierten Kennzahlensystems quantifiziert werden. Das niederschwellige Vorsorgeprogramm erreicht die freiwillige Teilnahme von > 90 % der Belegschaft, damit auch Beschäftigte mit einer kritischen Risikokonstellation. Der übliche altersassoziierte Anstieg gesundheitlicher Risikofaktoren – des PROCAM-Scores – ist bei den Wiederholungsuntersuchungen deutlich abgeflacht (Abbildung 2).

Abb. 2: Der PROCAM-Score konnte in allen Altersgruppen durch das BEM gesenkt werden.

Durch ein differenziertes BEM kann der Anteil längerer Arbeitsunfähigkeitsperioden deutlich zugunsten kürzerer Perioden reduziert werden. Resultat ist u. a. ein im Branchenvergleich niedrigster Absentismus im Blue Collar- wie im White Collar-Bereich – obwohl zwischen der nachgewiesenen Reduzierung von Risikofaktoren und dem erwartbaren gesundheitlichen Benefit Jahrzehnte liegen können. Der ökonomische Vorteil des Programms kann anhand betrieblicher Daten quantifiziert werden.

Die aufgezeigten Erfahrungen für den Aufbau und förderliche betriebliche Rahmenbedingungen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements betreffen sowohl die betriebliche BGM-Organisation, als auch die Unternehmenskultur (Abbildung 3).

Abb. 3: Förderliche Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches betriebliches Gesundheitsmanagement

Schlussfolgerung

Lifestyle-bedingte Gesundheitsrisiken belasten die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen beträchtlich. Betriebliche Präventionsprogramme können dem erfolgreich ent­gegenwirken. Einige der dargestellten Ansätze eines ­betrieblichen Gesundheitsmanagements im Industrieunternehmen könnten ggf. auch Anregungen für die Gesunderhaltung von Soldatinnen und Soldaten sowie die Beschäftigten der Bundeswehr geben.

Verfasser

Dr. Joachim Stork

Facharzt für Arbeitsmedizin

Ehemaliger Leitender Werkarzt der AUDI AG (bis 2017)

E-Mail: joachimstork2@aol.com