Wehrmedizinische Monatsschrift

ALLIANZ FÜR GESUNDHEIT UND BEWEGUNG

„Sports, Medicine and Health Summit“ 2021 in Hamburg

Alliance for Health and Physical Activity - „Sports, Medicine and Health Summit“ 2021 in Hamburg

Read English Version

Dieter Leyka,b, Ulrich Rohdea

a Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr, Andernach

b Deutsche Sporthochschule Köln, Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie, Köln

 

Vom 20. bis zum 24. April 2021 fand in Hamburg erstmalig der „Sports, Medicine and Health Summit“ statt. Damit wurde eine internationale wissenschaftliche Austausch-Plattform geschaffen, die der aktiven Gesundheits- und Bewegungsförderung eine politisch deutlich hörbare Stimme verleihen soll. Das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr war mit einer eigenen wissenschaftlichen Sitzung und 3 hochkarätigen Vorträgen vertreten.

Hamburg-Declaration: Aufruf an die Politik

Im Rahmen des erstmals ausgerichteten „Sports, Medicine and Health Summit“ (SMHS) wurde am 21. April 2021 die „Hamburg Declaration“ 1 (u. a. von der Stadt Hamburg, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dem Weltsportärztebund (FIMS) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)) unterzeichnet. Eine globale Allianz renommierter Verbände, Organisationen und Fachgesellschaften ruft hierin die Politik auf, der Gesundheits- und Bewegungsförderung höhere Priorität einzuräumen, Strukturen und Mittel bereitzustellen, um flächendeckend, effizient und nachhaltig gesunde und aktive Lebensgewohnheiten etablieren zu können.

Erster Schritt im Sanitätsdienst getan

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat hier bereits einen ersten Schritt getan: Durch das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr (InstPrävMedBw) ist er an der globalen Gesundheitsinitiative „Exercise is Medicine (EIM)“ beteiligt. Im Rahmen von EIM soll die Zusammenarbeit der verschiedenen Gesundheitsdienstleister verbessert und z. B. erreicht werden, dass Bewegung und gezieltes Gesundheitstraining als Therapien verschrieben werden. Ziel ist es, durch vermehrte körperliche Aktivitäten das Auftreten weitverbreiteter Risikofaktoren (wie z. B. Zucker-/ Stoffwechselstörungen Diabetes Typ 2, Bluthochdruck) und Erkrankungen zu reduzieren und diese Krankheiten vielleicht sogar zu heilen.

Mehr als 1 400 Teilnehmende

An dem interdisziplinären SMHS, der aufgrund der Corona-Pandemie virtuell durchgeführt werden musste, nahmen 1 400 Experten 2 (u. a. aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Sport- und Gesundheitswissenschaften), Therapeuten, Trainer sowie Vertreter aus Politik, Medien und Wirtschaft teil. Der Summit soll zu einer internationalen Austausch-Plattform zwischen gesundheitspolitischen und wissenschaftlichen Akteuren werden und zukünftig alle 2 Jahre – das nächste Mal vom 22. bis zum 24. Juni 2023 – in Hamburg stattfinden.

Weitere Informationen zum SMHS, u. a. die Ankündigung des Summits 2023 sowie aktuelle News und Downloads, finden Sie unter https://www.sports-­medicine-health-summit.de/

SMHS meets Bundeswehr

Die Bundeswehr war auf dem hochkarätigen Kongress mit einer eigenen Session „SMHS meets Bundeswehr: Gesund und einsatzfähig in der Bundeswehr“ und mit 3 Vorträgen vertreten [1–3]. Im Rahmen der Session wurde sehr deutlich, wie wichtig für die Bundeswehr Forschung im Kontext von Gesundheit, Leistung, Arbeit und Einsatz ist. Unstrittiges Ergebnis und Fazit der viel beachteten Sitzung war, dass eine erfolgreiche und nachhaltige Förderung von gesunden und aktiven Alltagsgewohnheiten in der Bundeswehr ohne qualitativ hochwertige und anwendungsnahe Präventionsforschungen kaum gelingen wird.

Effiziente Gesundheitsförderung durch Corona noch dringlicher

Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit einer effizienten und wirkungsvollen Gesundheitsförderung noch dringlicher gemacht, da durch sie die seit Jahren in der Gesellschaft zu beobachtenden negativen Gesundheits- und Leistungstrends verstärkt wurden. So zeigt u. a. eine bundesweite und repräsentative Studie der Technischen Universität München, dass sich seit Beginn der Corona-Krise über 50 % der Teilnehmenden weniger bewegen und 40 % mehr als 5 kg zugenommen haben [5].

Auch die Bundeswehr wird in dieser Hinsicht nicht von den Folgen der Corona-Pandemie verschont bleiben und es wird schwieriger werden, die Verfügbarkeit einer ausreichenden Zahl von einsatzbereiten und leistungsstarken Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten. In diesem Kontext stimmen die Ergebnisse der seit dem 01. Januar 2019 flächendeckend eingeführten ärztlichen AVU-IGF Begutachtungen nachdenklich. Diese belegen, dass schon vor Beginn der Pandemie rund ein Viertel der 40–49-jährigen Soldatinnen und Soldaten nicht die gesundheitliche Eignung besaßen, um überhaupt an den jährlichen verpflichtenden IGF- (Schießen, ABC- und Sanitätsausbildung) und KLF-Überprüfungen (6 km-Marsch, Basis-Fitness-Test, Schwimmen) teilnehmen zu können [4]. Offensichtlich reichen der jetzige Dienstsport und das in der Bundeswehr betriebene Betriebliche Gesundheitsmanagement zur Förderung der Gesundheit wie auch zum Erreichen bzw. zum Erhalt einer ausreichenden körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit allein nicht aus.

Eine vielversprechende Option bei der Lösung dieses Problems ist die Verhaltensökonomie, eine Wissenschaft, die Erkenntnisse aus Psychologie und Ökonomie miteinander kombiniert. Die Verhaltensökonomie liefert wichtige Einsichten und praxistaugliche Möglichkeiten zur Verbesserung des Gesundheitsverhaltens und der individuellen Einsatzfähigkeit, wie z. B. mit dem Einsatz von Anreizsystemen und Ankereffekten [3][4].

Literatur

  1. Glitz KJ, Sievert A, Rohde U, Piekarski C, Leyk D: Anstrengungsbedingte Überhitzung im zivilen und militärischen Bereich – eine unterschätzte Gefahr. WMM 2021; 65(11): 426-428. mehr lesen
  2. Koch A: Maritime Sportmedizin in der Bundeswehr: Von der Seekrankheit bis zu Tauchunfällen. WMM 2021; 65(11): 429-430. mehr lesen
  3. Küper K, Schramm S, Witzki A, Leyk D: Optimierungs- und Anreizmöglichkeiten für Gesundheitsverhalten und individuelle Einsatzfähigkeit. WMM 2021; 65(11): 431-433. mehr lesen
  4. Leyk D: Problem „Individuelle Einsatzfähigkeit“: Fakten und Optionen. Wehrmed Mschr 2021; 65 (3-4): 122-126. mehr lesen
  5. Technische Universität München: Corona befeuert eine andere Pandemie. Pressemitteilung zur TUM-Studie zu Ernährung und Bewegung seit Beginn der Corona-Epidemiologie. , letzter Aufruf 13. Juli 2021. mehr lesen

Eine englischsprachige Fassung des Beitrags finden Sie im E-Paper dieser Ausgabe (wmm-online.de).

Für die Verfasser

Oberstarzt Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk

Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr

Aktienstraße 87, 56626 Andernach

E-Mail: dieterleyk@bundeswehr.org


1 Den Text der Hamburg-Declaration finden Sie im Anschluss an die Kurzfassungen der Beiträge aus dem InstPrävMedBw beim SMHS 2021. Die vollständige Erklärung mit den Statements der 50 unterzeichnenden Organisationen, Verbände sowie wissenschaftlichen und staatlichen Institutionen kann unter https://www.sports-medicine-health-summit.de/hamburg-declaration-about.html heruntergeladen werden.

2 Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Beitrag überwiegend die männliche Schreibweise (z. B. Experte, Therapeut) benutzt. Gemeint sind aber stets alle Geschlechter.