Wehrmedizinische Monatsschrift

Hörrehabilitation – wenn ein Befehl gehört, aber nicht mehr verstanden wird! (Poster-Abstract)

Sandra Schmidta, Roman Brechta, Musehib Bösea, Kai J. Lorenza

a Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Klinik V – Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde

 

Einleitung

Jeder fünfte Deutsche ist von einer Hörschädigung betroffen, die mit steigendem Lebensalter zunimmt. Auch das Alter der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr steigt. Hinzu kommen berufsbedingte Belastungen speziell im militärischen Umfeld, z. B. starker Maschinenlärm, Fluglärm, Schieß- und Explosionslärm, was zusätzliche Hörschädigungen verursachen. Letztlich können auch Verletzungen, wie z. B. Felsenbeinfrakturen, zu Hörminderungen und/oder -verlusten führen. Erhaltung bzw. Wiederherstellung eines ausreichenden Hörvermögens sind Grundvoraussetzungen der Kommunikation speziell im militärischen Bereich und damit für die Dienst- und Verwendungsfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten.

Hörstörungen

Folgen eingeschränkten Hörvermögens

Die Kommunikationsfähigkeit von Menschen mit mangelhaftem Hörvermögen ist stark eingeschränkt. Mangelhaftes Sprachverstehen hat zur Folge, dass der Gegenüber oftmals nicht oder falsch verstanden wird. Die Fähigkeit der schlecht hörenden Person zur Konzentration nimmt rasch ab, das „Erraten“ des nicht oder undeutlich Gehörten ist extrem anstrengend, Unsicherheit und Missverständnisse sind die Folge. Diese Unsicherheit führt zur Frustration und zu hoher psychisch-emotionaler Belastung [5].

Erschwerend kommt hinzu, dass im militärischen Umfeld oftmals eine mehr oder weniger starke „Lärm-Grundlast“ besteht, was bei schlecht hörenden Personen die Fähigkeit zur Diskriminierung von Nutzschall (= Sprache) und Störschall (= Hintergrundgeräusch) noch weiter herabsetzt. Muss dann noch die Kommunikation in der Nicht-Muttersprache erfolgen, was bei internationalen Einsätzen häufig der Fall ist, sind Missverständnisse mit konsekutiven Fehlern und deren Folgen quasi vorprogrammiert [4]. Unzureichendes Hörvermögen schränkt deshalb die Dienst- und Verwendungsfähigkeit eines Soldaten/einer Soldatin ganz erheblich ein oder führt u. U. zu deren Verlust.

Abb. 1: Schematische Darstellung des Hörorgans: Trommelfell und Gehörknöchelchen übertragen den Schall mechanisch auf das ovale Fenster der Cochlea. Störungen dieses Mechanismus werden als Schallleitungsstörungen bezeichnet. Fehlfunktionen im Bereich der Cochlea sind Schallempfindungsstörungen.

Hörstörungen

Bei zentralen Hörstörungen liegt eine Schädigung der zentralen Hörbahn und/oder des subcortikalen bzw. cortikalen Hörzentrums vor. Ursachen sind häufig Hirnreifungsverzögerungen oder eine frühkindliche Hirnschädigung. Eine zentrale Hörstörung schließt die Dienst- und Verwendungsfähigkeit für den militärischen Dienst praktisch immer aus.

Bei peripheren Hörstörungen ist die Funktion des äußeren Ohres und/oder des Mittelohrs und/oder des Innenohres beeinträchtigt. Ursachen können z. B. häufige Mittelohrentzündungen (v. a. mit Paukenergüssen), Risse bzw. Vernarbungen im Trommelfell sein, die zu einer Beeinträchtigung der Schallleitung führen. Störungen des Innenohres, z. B. angeboren, nach Hörstürzen, durch Lärmschädigungen oder Virusinfektionen führen zu einer herabgesetzten Schallempfindung.

Hörrehabilitation

Externe Hörhilfen

Externe Hörhilfen (Hörgeräte) sind heute technisch weit entwickelt und lassen sich in Bezug auf das jeweils verstärkte Frequenzspektrum individuell einstellen. So können sie für das Hörverstehen in verschiedenen Hörsituationen und Umgebungen optimiert werden. Zur Anwendung kommen im Wesentlichen Im-Ohr- oder Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte.

Implantierte Hörhilfen

Bei dieser Art der Hörhilfe kommt in erster Linie das Cochlea-Implantat (CI) zum Einsatz, welches Schall in elektrische Impulse umwandelt, die direkt über in die Cochlea implantierte Elektroden auf den Hörnerven übertragen werden. Die Bonebridge® oder auch das Osia® überträgt Schall auf den Schädelknochen, von wo er auf dem Wege der Knochenleitung an das Innenohr übertragen wird. Die Vibrant Soundbridge® ist ein aktives Mittelohrimplantat, welches Schall verstärkt und auf die Schalleitungsstrukturen des Mittelohrs überträgt. Die letztgenannten Systeme setzen eine nicht oder nur wenig beeinträchtigte Schallempfindung voraus, während das CI auch bei hochgradigem Funktionsverlust des Innenohres einsetzbar ist.

Abb. 2: Schematische Darstellung eines CI: Der hinter dem Ohr getragene Audio-Prozessor überträgt induktiv die aus dem Schall erzeugten elektrischen Impulse an das Implantat, welches auf diesem Weg auch mit Strom versorgt wird. Ein Elektrodenbündel in der Cochlea stimuliert den Hörnerv frequenzspezifisch an verschiedenen Stellen – für hohe Frequenzen am Anfang der Cochlea und für tiefere am Ende.

Abb. 3: Bonebridge® der Firma Med-El: Ein in den Mastoidknochen implantierter Schallgeber überträgt nach Verstärkung die induktiv vom externen Hörprozessor übertragenen Schallwellen auf den Schädelknochen, von wo sie zu Cochlea weitergeleitet werden.

Abb. 4: Osia®-System der Firma Cochlear: Als Teil des Osia-Systems lässt das OSI200 Implantat die Umleitung von Schall um die blockierten Teile des natürlichen Hörgangs herum zu. Das Implantat (A) wird unter die Haut gesetzt, wo es mit einem Knochenleitungsimplantat (BI300) verbunden wird, um Schallvibrationen direkt an das Innenohr zu senden.

Abb. 5: Vibrant Soundbridge® der Firma Med-El: Das Implantat überträgt die vom Audioprozessor induktiv gesendeten Schallinformationen direkt auf einen Schallgeber, der an das Foramen rotundum der Cochlea gekoppelt ist und ersetzt so die Schallleitung im Mittelohr.

Das CI-Zentrum Rhein-Mosel-Lahn

Seit 2002 besteht am Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZKrhs) Koblenz das CI-Zentrum Rhein-Mosel-Lahn. Hier wurden seither – neben der Betreuung von Patienten mit Akutsymptomatik wie Schwindel und Surditas – mehr als 390 CI, 14 Bonebridges und 5 Vibrant Soundbridges implantiert. Nach kurzer Einheilungsdauer von 2–4 Wochen wird vor Ort sofort mit der ambulanten Hörrehabilitation begonnen. Der/die Implantierte „lernt“ das Hören mit dem Implantat und die Verarbeitung der zunächst ungewohnten akustischen Informationen [3]. Monatlich werden im Durchschnitt 55 Patienten ambulant behandelt [2]. Von den in Koblenz betreuten Patienten haben 86 ihr Implantat in anderen (Bundeswehr-) Krankenhäusern erhalten.

Im Rahmen einer ambulanten Vorstellung erfolgt eine ärztliche und audiometrische Untersuchung, eine elektrisch-akustische Prozessoreinstellung und eine Audiotherapie mit Hörtraining. Hierbei wird neben dem Beüben der Hördiskrimination auch das Training alltäglicher Hörsituationen wie Telefonieren und des Umgangs mit zahlreichen Stör- und Umgebungsgeräuschen beübt. Ebenso wird der Umgang mit Zusatzausstattungen wie drahtlose Signalübertragungsanlagen, Rauchmeldern, Lichtsignalanlagen und Vibrationsweckern erklärt und geübt [1].

Fazit und Ausblick

Mit der Hörrehabilitation konnte das CI-Zentrum Rhein- Mosel-Lahn des BwZKrhs Koblenz bei Soldatinnen und Soldaten mit hochgradiger Schwerhörigkeit oder sogar kompletter Ertaubung dazu beitragen, dass diese für den Einsatz in unterschiedlichen Verwendungen (Bordmechaniker, Fallschirmspringer, Fluggerätemechaniker, Fernmelder, Panzerfahrer, Logistiker, usw.) dienstbegleitend ambulant innerhalb der Bundeswehr hörrehabilitiert wurden. Sowohl in Bezug auf die militärärztliche Begutachtung als auch im Sinne einer effektiven medizinisch-dienstlichen Rehabilitation - „arbeitsplatzspezifische Hörhilfen“ - steht unseren Soldatinnen und Soldaten so eine umfassende Fachexpertise zur Verfügung.

Hörschädigungen sind in allen Streitkräften die mit Abstand häufigste einsatz- bzw. dienstbedingte Verletzung/Verwundung. Insbesondere bei Exposition gegenüber hohen Schalldrücken (Explosionstrauma) wirkt auch ein sehr guter Gehörschutz nicht ausreichend, um hochgradige Hörverluste zu verhindern. Damit kommt der Fähigkeit, solche Soldatinnen und Soldaten adäquat z. B. mit einem CI zu versorgen und durch eine auf die Diensterfordernisse abgestimmte Hörrehabilitation ihre Dienst- und Verwendungsfähigkeit wiederherzustellen, auch in Zukunft erhebliche wehrmedizinische Bedeutung zu.

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie: Leitlinie Cochlea Implantat Versorgung, Registernummer 017 – 071, S2k- Klassifikation, Stand 31.10.2020 mit Gültigkeit bis 30.10.2025. , letzter Aufruf 21. November 2021. mehr lesen
  2. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie: Weißbuch Cochlea-Implantat(CI)-Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Überarbeitete 2.Auflage, 2021). , letzter Aufruf 21. November 2021. mehr lesen
  3. Knopke S, Olze H: Hörrehabilitation mithilfe von Cochleaimplantaten und kognitive Fähigkeiten. HNO 2018; 66(5): 364-368. mehr lesen
  4. Rudolph T: Relevanz von universitärer Weiterbildung zu interkultureller Kompetenz für die Qualifikation von Global Engineers–Konsequenzen für eine zielgruppenorientierte Weiterbildung. Masterthesis Technische Universität Darmastadt 2020; , letzter Aufruf 21. November 2021. mehr lesen
  5. Thomas JP, Völter C, Wirth R et al.: Wie das Gehirn die Welt im Alter mit allen Sinnen wahrnimmt." Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2021; 54: 611-620. mehr lesen

 

Für die Verfasser

Oberfeldarzt Dr. Sandra Schmidt

Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Klinik V – Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde

E-Mail: sandra7schmidt@bundeswehr.org

 

Posterpräsentation beim 52. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. am 15. Oktober 2021 in Koblenz.